Dienstag, 4. Dezember 2012

01/1972 ADAM - German Gay Magazine


Die Kriminalisierung, Verfolgung, Inhaftierung und Ermordung Homosexueller durch die Nazis, ab dem 1. September 1935 festgeschrieben in den §§ 175 und 175a StGB (Unzucht zwischen Männern), hat die Bundesrepublik Deutschland erst 24 Jahre nach Ende der Naziherrschaft (!) - ein Stückchen - revidiert.

Mit Inkrafttreten der Novellierung des § 175 StGB - am 1. September 1969 - waren zunächst  homosexuelle Kontakte „unter erwachsenen Männern“ nicht mehr verboten. Immerhin konnten demzufolge in der Bundesrepublik Deutschland erstmals wieder Publikationen für Homosexuelle erscheinen.

Am 1. Oktober 1969 erschien die erste Ausgabe von DU & ICH - wegen des Zeitpunkts auch Nachseptembermagazin genannt. Im April 1970 erschien die erste Ausgabe von him (später him applaus genannt). Und als drittes Magazin erschien im Mai 1970 SUNNY, das noch im gleichen Jahr - ab der 4. Ausgabe - in DON umbenannt wurde.

Im Januar 1972 erschien die erste Ausgabe von "unter uns" (für die, die Männer mögen), das mit der Ausgabe 12/1977 in unter uns ADAM umbenannt wurde.

Das ist die Geschichte von ADAM, aufgezeichnet von einem, der ab der Nr. 17/1978 zunächst unter dem Pseudonym Michael Albert (= Jens M. A. Reimer) das Magazin mitgestaltete und dafür schrieb. Mit der Nummer 33 übernahm ich die ADAM-Redaktion, d.h. die gesamte Konzeption, Redaktion und Gestaltung. Um Konkurrenz zu dem im gleichen Darmstädter Ferling-Verlag erscheinenden schwulen Magazin DON (siehe parallelen Blog) zu vermeiden, wurde eine ungewöhnliche Schwulen-Heft-Mischung aus erotischen Fotos und schwul-satirischen Beiträgen entwickelt.

Hier folgen 12 Jahre ADAM bis zur Nummer 50/1984, die die jeweilige Zeit, die Inhalte und Themen sowie die Entwicklung des Magazins anhand von Seiten-Beispielen und Fakten erläutern und illustrieren. Soweit möglich, werden - als Informations-Ergänzung - zu Namen, Publikationen und Anlässen Links veröffentlicht.


Die neue Publikation wurde Antinoos (Kasten oben links) gewidmet: "Schöner Jüngling und Liebling des bedeutenden römischen Kaisers Hadrian ... "

Zum Impressum:
Herausgeber war die Antinoos-Zeitschriftenverlag GmbH in Köln. Geschäftsführer Erwin Röll, Schriftleitung Horst Beermann und Carl Petersen, Fotoredaktion Peter Simoni, Textredaktion Claus Biederstein.

Mitte der 70er Jahre begann ich für verschiedene schwule Publikationen - zunächst unter diversen Pseudonymen - zu schreiben. Keiner der hier aufgeführten fünf Namen ist mir damals oder in den folgenden Jahrzehnten jemals zu Ohren gekommen. (Für Hinweise wäre ich sehr dankbar.)

Unter "Fotos von" taucht auch Sven Swede auf (ein Pseudonym), dessen erotisch anregende, qualitativ hochwertige Schwarzweissaufnahmen ungemein appetitlicher Schweden damals (und später wiederholt) in nahezu allen schwulen Publikationen erschienen. Hier Rücktitel des Heftes (ganz oben), Motorradfahrer und folgende Bildseite.

Vowort:
" ... Wir kennen wie Sie ein sehr gutes Magazin aus Hamburg [gemeint ist him], welches besonders nach dem letzten Wechsel des Chefredakteurs wesentlich an Format und Inhalt gewonnen hat. Nicht jeder aber möchte zum Feierabend über Probleme nachdenken, sozialkritische Beiträge verarbeiten usw. Unser Programm grenzt sich daher sehr eindeutig von dem unserer Kollegen ab. Wir glauben, dass wir damit bei Ihnen richtig liegen ..."


Diese Januar/Februar-Ausgabe des Magazins, des jeden 2. Monat erscheinen sollte, hatte 24 einfarbige Seiten im Format DIN A4, die Umschlagseiten mit zwei Schmuckfarben gedruckt.

Die erste Ausgabe enthielt neben zumeist ganzseitigen Fotos wenig Text und wirkt - auch aufgrund des laienhaften Layouts - wie das Mitteilungsblatt eines Vereins. Die Texte erschöpfen sich in Aufzählungen von Homotreffs: "Wir besuchen für Sie die Clubs und anderen Treffpunkte ... Frankfurt - Kreuzung grosser Strassen- und Schienenwege, Zentrum von wöchentlich über 1800 Flugverbindungen ... eine Weltstadt, Gangsterstadt, Stadt der Stricher? ... Die männliche Prostitution ist stärker etabliert als in mancher Provinzstadt ..."


Neben ein paar Adressen in Zürich wurde bspw. die linke Seite künstlich mit Hinweisen aufgefüllt: Einzelbezug, Vorankündigung (in der nichts angekündigt wird), Ankündigung von Adressen in verschiedenen Ländern, Ankündigung eines "grossen Ballerlebnis für Freunde mit Dunja Rayter" (sicherlich nicht das Original; offenbar eine 'nachgemachte' Dunja Rajter'), Grosser Kostümball im Frankfurter Palmengarten ... (oder handelt es sich um Anzeigen?)

Auf der rechten Seite wird Heinz Reber ** als "Leiter unseres Berliner Büros" vorgestellt. Reber und sein Club 70 Berlin in Schöneberg, seine "Bälle der Freunde", sein Büro in der Bülowstrasse, sein telefonischer Beratungsdienst ... tauchten damals in quasi jeder homosexuellen Publikation auf.

** Reber hatte zum "4. Ball der Freunde" in den Stadion-Terrassen am Olympiastadion (16.10.1971) den Nazi-Star Zarah Leander eingeladen, die sich nach 1945 hartnäckig als eine "unpolitische Künstlerin" bezeichnete.


Der Spiegel 50/1969 zählt detailliert auf - Was ist unzüchtig? - nach § 184 StGB (Pornographie). Damals bezog man seine Onaniervorlagen aus Ländern, in denen das Porno-Verbot bereits gefallen war: Dänemark und Schweden (sofern die deutsche Bundespost und der deutscher Zoll die 'heisse Ware' nicht beschlagnahmten). Hauptsächlich dänische Porno-Versender inserierten (diskret) in den neuen deutschen Homo-Magazinen und boten schwerpunktmässig Knaben-Pornos wie Joy Boys, Piccolo usw. an. Ein Schneider-Verlag aus Langen ("der Jungen-Spezialist") bot "Fotoserien bildhübscher Knaben"; siehe auch Versand-Anzeige (K.N. Press, Aseda, Schweden) eine Bildseite vorher.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen